Der August ist eine der wärmsten Monate des Jahres mit langen Tagen und häufigen Gewittern – und ein wichtiger Monat für die Landwirtschaft. Zwischen Heu-, Getreide- und Kartoffelernte mussten früher in den Getreideäckern die schäd­lichen Disteln mit speziellen Disteleisen ausgestochen werden und der Boden der Dickwurzfelder (in Kirdorf »Range« genannt) mit Hacken belüftet werden. Eine mühsame und schweiß­treibende Handarbeit. In den Hausgärten wurde das Gemüse (meist Bohnen, Erbsen, Fenchel, Tomaten und Gurken) und die Beeren geerntet. Beliebt waren Stachelbeeren, rote und schwarze Johannisbeeren und Brombeeren.

Das Leben im früheren Kirdorf war geprägt durch die Garten-, Feld- und Wiesenarbeit, die einen großen Teil des Sommers in Anspruch nahm. Die wenige Freizeit wurde mit Handarbeiten, Lesestunden und geselligem Beisammensein ausgefüllt. Langeweile hatten sicherlich die Wenigsten. Den übrigen Teil verbrachte die Jugend bei Wand­erungen im schattigen Taunuswald, bei denen Himbeeren, Brombeeren, Heidel­beeren, Walderdbeeren, Haselnüsse und die »Knodde« (wilde Kirschen) gepflückt und stolz nach Hause gebracht wurden. Ihre Mütter „durften“ sie dann „einrexen“ (Einkochen in Weck-Gläsern), damit man sich auch später noch daran erfreuen konnte.

Beliebt und unvergessen waren die Abkühlungen in der Badeanstalt Otto am Gluck­en­steinweg. Dort gab es für Männern und für Frauen jeweils ein kleines Schwimm­becken, die durch hohe hölzerne Bretterwände streng getrennt waren. Manch offenes Astloch wurde neugierig genutzt, um einen kleinen Blick auf das „andere Geschlecht“ zu erhaschen.

Abkühlung brachte auch der Weberpfad. Im Kirdorfer Bach hatte die Firma Sattelfabrik Denfeld ein Stau-Wehr errichtet, um Löschwasser bei einem Bomben­angriff zu haben. Waldemar Wehrheim erinnert sich noch, dass es dieses Stau-Wehr auch noch nach dem Krieg gab: „Der Weberpfad war für uns der Spielplatz Nr. 1. Wenn die Sommerhitze unerträglich wurde, verbrachten wir den ganzen Tag am Bach. Als Siebenjähriger beobachtete ich die ersten Schwimmversuche der Kirdorfer Buben im gestauten Wasser an dem kleinen Wehr.“ Begeistert erinnert er sich auch noch an das Basteln von Blasrohren und Wasserrädchen. „Wir Kinder zogen in den Sommerferien in den Weberpfad, suchten einen Weidenbusch und schnitten einen Ast ab. Mit dem Messerknauf wurde die Rinde beklopft, bis sie sich vom Weidenholz ablösen ließ. Aus der grünen Weidenrinde ließ sich jetzt ein tolles Blas­­rohr basteln. Als Munition eigneten sich die grünen Beeren des Holunders, die sich herrlich durch das Blasrohr jagen ließen. Beliebt war auch der Bau eines Wasser­räd­chens. Dazu musste der Kirdorfer Bach zuerst gestaut werden. In der Bachmitte wurde ein kleiner Durchgang freige­lassen. Hier steckten wir zwei Astgabeln in den Bachboden, über die das Wasser­rädchen sich drehen konnte. Weidenholz war wieder das beste Material, um solch ein Rädchen anzufertigen. Jubelrufe gab es dann, wenn sich das Wasserrad flott drehte.“

Im früher überwiegend katholischen Kirdorf war Mariä Himmelfahrt am 15. August ein Hochfest, bei dem die traditionelle Kräuterweihe im Mittelpunkt stand. Kräuter wurden als Heilmittel und Schutz gegen Krankheiten verehrt, und waren seit Jahr­hunderten als Ernte- und Fruchtbarkeitsrituale in die katholische Liturgie integriert. Die Kräutersträuße, die in Kirdorf »Weihwisch« genannt wurden, werden aus min­destens sieben (besser neun) verschiedenen Kräutern gebunden, darunter Johannis­kraut, Kamille, Schafgarbe, Salbei, Königs­kerze, Wermut, Spitz­wege­rich und Arnika. Anzahl und Auswahl der Kräuter variierte von Familie zu Familie. Die Kräuterbüschel wurden an Mariä Himmelfahrt von den Frauen zur Kirche getragen und dort im Fest­gottes­dienst geweiht. Anschließend nahm man die Sträuße wieder mit nach Hause, wo sie zum Trocknen mit den Blüten nach unten aufgehängt wurden. Der trockene »Weihwisch« (oder Teile davon) wurde dann im Dach unter die Ziegel gesteckt, um das Haus zu schützen. Bei Gewitter wurden die Kräutersträuße zum Schutz von Haus und Hof im Küchenherd verbrannt; erkranktem Vieh wurden sie verfüttert oder ins Trinkwasser gelegt. Dieser Volksglaube hielt sich bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts und ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten.