Leuchtende Kinderaugen, auch ohne große Geschenke
Feste und Feiertage brachten früher die meiste Abwechslung ins karge Leben, wobei heute viele Bräuche anders gefeiert werden, als dies früher der Fall war. Dazu zählt auch die Adventszeit, deren Gestaltung sich vollkommen verändert hat. Traditionell wurde diese Zeit vom kirchlichen Ritus dominiert, der die vierundzwanzig Dezembertage vor Weihnachten als »heilig ernste« Fastenzeit vorgab. Ein Adventskranz mit vier roten Kerzen stand in jedem Haushalt und man gestaltete diese Zeit ruhig, besinnlich und voller Vorfreude auf Weihnachten, die Geburt Christi. In unserer hektischen, mit Weihnachtsfeiern und vielen kulinarischen Genüssen völlig überladenen Adventszeit, wo überall schon geschmückte Christbäume die Innenstädte erleuchten, ist von dieser Besinnlichkeit und Vorfreude nicht mehr viel übriggeblieben – eigentlich schade!

Katharina Molitor in ihrer Guten Stube, um 1920
Zum Weihnachtsfest durfte in keinem Haus, wo Kinder waren, der Christbaum fehlen. Der Christbaumschmuck war meistens silberfarbig. Beliebt waren auch silberne Vögelchen, Engelshaar und aus Glas gestaltete Eiszapfen. Der Christbaum stand vom Heiligen Abend bis Maria Lichtmess (2. Februar), also die gesamte kirchliche Weihnachtszeit, in der guten Stube, die nur an Festtagen wie an Weihnachten geheizt wurde. Jedem Familienmitglied, vom Kleinkind bis hin zum Greis, wurden »vom Christkindchen« Gaben gebracht. Meist waren es praktische Geschenke, gebastelt, gehäkelt und gestrickt. Fröhlich und heiter sangen und musizierten Jung und Alt vor dem im Lichterglanz leuchtenden Weihnachtsbaum in der guten Stube. An jedem Heiligabend wurden stets dieselben überlieferten Lieder gesungen. Wenn die Kerzen am Christbaum erloschen waren, brannte die Stubenlampe bis zum Morgengrauen. Die Fensterläden waren in dieser Nacht nicht geschlossen, damit der Lichterschein hinaus auf die meist verschneiten Gassen fiel.

Klaus und Matthias Hett, Weihnachten 1968
In vielen guten Stuben waren auch Weihnachtskrippen zu finden. Waldemar Wehrheim (Jahrgang 1939) erinnert sich noch ganz genau an das Weihnachtsfest 1945: „Es war das erste friedliche Weihnachtsfest meiner Kindheit. In den Geschäften gab es nur das Lebensnotwendigste; Spielsachen gehörten nicht dazu. So wartete ich mit meiner Schwester Lotti am Heiligen Abend im Kämmerchen neben der Wohnküche im notdürftig hergerichteten Dachgeschoss auf das Christkind. Endlich ging die Tür auf und wir beide sahen den festlich geschmückten Tisch-Weihnachtsbaum. Was bei uns großen Jubel auslöste war die Krippe unter dem Christbaum. Unsere Mutter hatte sie erst kürzlich in einem Geschäft in der Elisabethenstraße erworben. Die Weihnachtskrippe tröstete uns darüber hinweg, dass der Rodelschlitten, den unsere Großmutter in Flieden uns schicken wollte, nicht rechtzeitig zu Weihnachten ankam.“
Bis Anfang des 20. Jahrhunderts musste der Kirdorfer Nachtwächter in der Christnacht vom 24. zum 25. Dezember seine stündlichen Runden durch den Ort ausnahmsweise nicht alleine drehen. Eine Schar ausgewählter geübter Sänger begleitete ihn die ganze Nacht hindurch. Jedes Mal, wenn die Turmuhr zur vollen Stunde schlug, entlockte der Nachtwächter an jeder Straßenecke seinem Horn mehrere Signaltöne. Anschließend ertönte der Sängerchor, um mit seinen mehrstimmig, »zu Herzen gehend« vorgetragenen schönen alten Weihnachtsliedern in dieser Nacht eine wunderbare Stimmung zu verbreiten. Das Kommen und Gehen des Nachtwächters und der Sänger erfolgte aufgrund des weichen Schnees so geräuschlos, dass die Kinder glaubten, die Gesänge würden von Engeln vorgetragen.







