»Bahn frei« fürs neue Jahr

Der Zeit „zwischen den Jahren“ wurde von jeher eine besondere Bedeutung zugemessen. Die „zwölf Weihnachtstage“ vom Weihnachtstag (25. Dezember) bis zum Fest der Erscheinung des Herrn (6. Januar) werden auch „Raunächte“ genannt. Das Alltagsleben kam weitgehend zum Erliegen. Im Haus durfte keine Unordnung herrschen. Es durfte nicht gewaschen und keine Wäscheleinen gespannt werden, da sich die wilde Jagd (die Dämonen) darin verfangen oder die Wäsche stehlen könnten, um sie im Laufe des Jahres als Leichentuch für den Besitzer zu verwenden.

Am Neujahrstag suchte jeder dem anderen „das neue Jahr abzugewinnen“. Wer nach Mitternacht jemandem zuerst das Neujahr „anwünschte“, hatte es ihm „abgewonnen“. Der kurze Neujahrswunsch lautete „Prost Neujahr“ (nach dem lateinischen »prodesse« für nützen, nützlich sein). Der längere Wunsch war in folgenden Vers eingeschlossen:
„Prosit Neujahr!
´n Prezel wie e Scheuertor,
´n Troppe Wei wie e Wolkebruch
hommer es ganze Jahr genuch!“

Im Allgemeinen waren die früheren Winter kälter, länger und schneereicher als heute. In den Wohn­ungen sorgte nur das stets brennende Holzfeuer im Küchenherd dafür, dass es wenigstens in diesem Raum warm und gemütlich war. In der Küche versammelte sich die Familie nicht nur zum Kochen und Essen. Frauen und Mädchen erledigten dort Handarbeiten, dort wurde gelesen, gesungen und viel erzählt. Jede noch so kleine Küche war überall der am meisten genutzte Raum. Auf den Straßen gab es weit weniger Automobile und keinen Räum- und Streudienst. Viele abschüssige Straßen eigneten sich daher bestens zum Rodeln, was Kinder und Jugendliche bei jeder sich passenden Gelegenheit nutzten. Den begeisterten Ruf „Bahn frei“ konnte man überall hören. Die längste Rodelbahn war die Saalburg-Chaussee. Viele Jugendliche schleppten am Sonntag gleich nach dem Hochamt ihre hölzernen Schlitten hinauf zur Saalburg und sausten in wilder Fahrt hinunter nach Kirdorf, um dort noch rechtzeitig zum Mittagessen wieder zuhause zu erscheinen. Danach schleppten sie ihre Schlitten erneut zur Saalburg und rodelten ein zweites Mal die Saalburg-Chaussee hinunter bis zur Karlsbrücke – heute unvorstellbar. Als weitere Rodelbahnen fungierten insbesondere „der Tripp“ (die Friedberger Straße), der Döllesweg, der kleine Hang an Herrmanns Schafhalle (vom Sauplacken hinunter in die Böttwiesen), der Abhang am Gluckenstein (vom Gluckensteinweg hinunter zur heutigen Schule) und der Kirchberg. Oft verabredete man sich zum gemeinsamen Rodeln und verband mehrere Schlitten zu einem Gespann, um schneller den Hang hinunter zu rodeln.

3 Stefan+Erika Ohmeis Skifahren um 1964

Stefan und Erika Ohmeis beim Skifahren im Kirdorfer Feld, etwa 1964

In den 1950-er Jahren gab es einmal eine besondere Rodelbahn im Stedter Weg, der damals noch ein Feldweg war. Nach tagelangen Regenfällen wurde es über Nacht knackig kalt; morgens war der Stedter Weg total vereist. Die Kinder und Jugendlichen nutzen die Gelegenheit, vom Gluckenstein bis zum ehemaligen Spritzenhaus unterhalb des Schwesternhauses durchzurodeln. Selbst in der Dunkelheit wurde noch Schlitten gefahren; Taschenlampen sorgten dafür, dass niemand im Graben landete. Waldemar Wehrheim lacht noch heute über eine besondere Schlittenfahrt Anfang der 1960-er Jahre: „Marianne und ich waren sonntags mit unserem Schlitten zum Herzberg hinauf gewandert. Nach einer Einkehr im dortigen Gasthof stellten wir fest, dass der Fahrweg zur Saalburg zwischenzeitlich total vereist war. Ich zögerte nicht lange und legte mich mit dem Bauch auf den Schlitten und Marianne setzte sich auf meinen Rücken. Ab ging es in rasender Fahrt in Richtung Saalburg. Lenken und Bremsen war sehr schwierig, doch wir beide erreichten glücklich und heil unser Ziel. Die Überraschung kam dann am Montagmorgen. Als ich meine Socken anziehen wollte stellte ich fest, dass meine Füße blitzeblau waren. Das Bremsen auf dem vereisten Weg hatte für mehrere Blutergüsse gesorgt.“

Da sich in Kirdorf kein Hang zum Skifahren eignete, sah man nur einzelne Skifahrer beim Langlauf. Allerdings nutzten mutige Skifahrer, wie Jonny Kaucher, um 1960 steile Waldschneisen, errichteten dort kleine Sprungschanzen und übten sich in waghalsigem Skispringen.

2 Skisprung Kaucher um 1960

Jonny Kaucher beim Skispringen im Wald, etwa 1960

Was natürlich bei jedem schneereichen Winter dazu gehörte waren Schneeballschlachten, an denen sich Jung und Alt begeistert austobten – und das Schlittschuhlaufen. In den Dörrewiesen, den Böttwiesen und in den Langen Wiesen wurde das Wasser der Bäche gestaut, damit es gefrieren und Eisflächen bilden konnte. Wer Schlittschuhe zum Anschrauben an feste Lederschuhe besaß, war privilegiert, und konnte dann auf diesen buckeligen Natureisbahnen im Feld herumfahren. In den Böttwiesen trafen sich viele Jugendliche regelmäßig zum Eishockeyspielen. Die Dicke der Eisflächen variierte stark. Da die Eisflächen nur eine geringe Wassertiefe besaßen, bestand allerdings das einzige Risiko beim Einbrechen darin, sich zu erkälten. Wenn die Kinder bei Anbruch der Dunkelheit ausgetobt, mit roten Wangen und leicht unterkühlt wieder zuhause ankamen, konnte man ihnen die Winterfreude regelrecht ansehen.