Ernährung in Notzeiten
Kriegszeiten sind immer Notzeiten, in denen nicht nur Soldaten, sondern auch die Bevölkerung Not leidet. Schon vor Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die deutsche Bevölkerung aufgefordert, zur Unterstützung ihrer eigenen Versorgung Lebensmittel anzubauen. Im Sommer 1939 wurden bereits Lebensmittelmarken an die Bevölkerung ausgegeben. Die Güterknappheit im Krieg erzwang eine längere Periode ihrer Verwendung im täglichen Leben. Lebensmittelkarten berechtigten zum Empfang von Waren, aber nur insoweit sie überhaupt zur Verfügung standen. Sie stellten also keine Garantie dar. Wohl den Haushalten, die einen Gemüsegarten oder gar einen Acker besaßen, um dort Nahrungsmittel für die eigene Versorgung anzupflanzen. Die Mangelwirtschaft sorgte oft für lange Gesichter am Esstisch. Aus dem eigenen Anbau gab es in Kirdorf häufig Suppe, meist aus Hülsenfrüchten oder Gemüse. Steckrüben konnte man lange lagern und kamen häufig auf den Tisch als Suppe und als Gemüse. Ebenfalls Kartoffeln, die bevorzugt als Pellkartoffeln mit Plunze (Blutwurst), die bei Lebensmittelmarken begünstigt zugeteilte wurde oder mit Specksoße auf dem Speiseplan standen. Wer Blutwurst, Kartoffeln und Apfelbrei hatte, konnte sogar „Himmel und Erde“ essen. Zum Süßen wurden meist Zuckerrüben verwandt, die auch die Zwetschgen in der Latwerge süßten.
Handgeschriebenes Rezept von Erika Ohmeis, etwa 1944
Erika Steiper (Jhrg. 1931) erinnert sich noch, dass es in der Schule jeden Freitag Kochunterricht gab. Aber die meisten Rezepte konnten nicht verwendet werden, da es an den Zutaten mangelte. Arme Ritter, Gebrannte Griessuppe oder Geröstete Mehlsuppe kamen gelegentlich auf den Tisch. Und obwohl es keine Kaffeebohnen gab, steht auch ein Rezept für einen Kaffeekuchen im handgeschriebenen Kochheft. Der benötigte Kaffeesatz bestand aus Malzkaffee.
Im und nach dem Krieg mussten die Hausfrauen viel Phantasie entwickeln, um Kuchen auf den Tisch zu bringen. Hilfreiche Anleitung gab das Dr. Oetker-Kriegskochbuch von 1939, das im Haushalt von Marianne Wehrheim (Jhrg. 1943) noch überliefert ist. Darin werden „zeitgemäße Rezepte“ auf Basis der Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg vorgestellt, um mit geringsten Mitteln schmackhaftes Gebäck herzustellen. Waldemar Wehrheim (Jhrg. 1939), Mariannes Ehemann, erinnert sich genau: „Lebensmittel waren rationiert und sie gab es nur auf Lebensmittelkarten. Um an Speiseöl und Mehl heranzukommen mussten sich die Hausfrauen einiges einfallen lassen. Zur Erntezeit durften die nach dem Schnitt und Abtransport des Getreides auf dem Getreideacker liegen gebliebenen Ähren von Müttern mit ihren Kindern gesucht und aufgesammelt werden. Das „Ährenlesen“ (auch Stoppeln oder Nachlese genannt) war schon immer eine verbreitete Erntemethode der ärmeren Dorfbewohner. Bucheckern wurden im Wald gesammelt, um an Öl zu kommen. Es gab Familien in Kirdorf, die es schafften, einen Zentner Bucheckern zu sammeln; eine unglaublich mühselige Arbeit, zumal fast jeder draußen Bucheckern suchte. Die Bucheckern wurden in Sammelstellen, wie bei Valentin Gerecht in der Steingasse, abgegeben und gegen Öl getauscht. Am Ende der Plackerei bekam man für 50 kg Bucheckern 10 Flaschen Öl. Ein Müller in Obernhain gab den fleißigen Ährenleserinnen für einen Zentner Ähren 30 Pfund Mehl – damals ein wahrer Schatz! Gott sei Dank gab es damals noch Getreidefelder in der Kirdorfer Gemarkung und die Buchen im nahegelegenen Wald trugen in den Hungerjahren reichlich Früchte“.
Im Kriegsbackbuch ist auffallend, dass in den Rezepten Butter, Vollmilch und Honig so gut wie nicht vorkommen. Stattdessen enthalten sie die Zutaten Margarine, Schmalz, Rinderfett, Magermilch und Rübensirup. Als Mehlersatz dienten Karotten und Kartoffeln. Die Backrezepte sind danach sortiert, wie viele Zutaten zur Verfügung standen. Selbst mit 25 g Fett und nur einem Ei konnte man „Einfaches Kleingebäck“ herstellen, und ohne Fett mit zwei Eiern eine Apfelschnee- oder eine Nusstorte backen. Die Anregungen zum „Backen in Kriegszeiten“ sollten auch in Notzeiten wohlschmeckende Abwechslungen auf den Tisch zaubern, um die Stimmung in der Bevölkerung zu heben. Das Buch endet mit der zynischen Aufforderung „Nun frisch ans Werk! Es wird sicher gelingen und Ihnen allen Freude bereiten.“







