Gott Jokus ist ein Kirdorfer

Wenn die Tage wieder länger werden und die ersten wärmenden Sonnenstrahlen den kalten Winter zurückdrängen, steigt auch die Stimmung und alle freuen sich auf den Frühling. Die Leute haben wieder mehr Lust am Lachen, Singen, Tanzen und Feiern. Die Fastnacht ist seit alters her ein fester Bestandteil im Jahreslauf, in der Jung und Alt verkleidet durchs Örtchen liefen. Die meist einfachen, selbstgemachten Kostüme verstärkten die gute Laune und regten dazu an, in kleinen und großen Kreisen Quatsch zu machen und viel zu lachen. Jährlich zur Fastnachtszeit übernahm Gott Jokus das Kommando rund um den Kirdorfer Taunusdom.

Die »fünfte Jahreszeit«, wie dieses bunte Treiben auch genannt wird, wurde an der Schwelle vom 19. ins 20. Jahrhundert auch vereinsmäßig organisiert. Die Homburger gründeten den Nasenverein, den ersten Fastnachtsverein und Vorläufer des HCV. Bereits im Februar 1902 veranstaltete er einen Umzug mit Festwagen durch die Kurstadt. Einer der Festwagen hatte zum Motto »Zwei feindliche Brüder«, die über die Eingemeindung diskutierten. 1904 bildete sich auch in Kirdorf der erste Karnevalverein, der »Club Humor«. Anfangs noch recht bescheiden veranstaltete er gleich Fastnachtssitzungen im urgemütlichen »Zum Grünen Baum«, wo ausgezeichnete Büttenredner den Saal zum Kochen brachten; später folgten auch noch Maskenbälle im Gasthaus »Germania«. 1919 gründete sich in Kirdorf ein zweiter Fastnachtsverein, der »Club Heiterkeit«. Die Lust an Ablenkung, am Feiern, am Ausgelassen- und Lustig-sein faszinierte insbesondere in den schwierigen Zeiten mit Arbeitslosigkeit, wirtschaftlichen Sorgen und politischen Zwänge und zog immer mehr Leute an. Aber es folgten schlechte Zeiten: der II. Weltkrieg war nicht günstig und erstickte die Narretei.

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Fastnachtsumzug um 1960

Unter dem Leitspruch »Hurra, wir leben noch« sorgten närrische Kirdorfer schon bald nach Kriegsende dafür, dass die Vereine wieder aktiv werden durften. 1946 stieg die erste Nachkriegs-Sitzung des »Karnevalvereins Heiterkeit« und 1950 konnte endlich auch die erste Fremdensitzung des Club Humors steigen. Schon bald wurden Rufe laut nach einem Fastnachtsumzug. 1950 war es dann soweit: der erste Fastnachtsumzug zog durch die Straßen von Kirdorf, dass seitdem als »Fünfradshausen« kokettierte.

„Wer frohgemut geht durch die Zeit, mags toben, stürmen, regnen,
weiß jeder Unbill, jedem Leid, erfolgreich zu begegnen!“

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Kirdorfer Narren beim Fastnachtsumzug in der Louisenstraße, um 1960

Da nur wenige Laster für Motivwagen zur Verfügung standen nutzten die erfinderischen Narren die vorhandenen Landwirtschafts- und Leiterwagen als Unterbau für ihre Motivwagen, vor die sie Zugpferde spannten. Andere Narren setzten sich einfach in ihren Handwagen oder führten einen als Bär verkleideten Bekannten an einer Kette, um beim Festzug teilzunehmen. Dicht an dicht standen die jubelnden, gut gelaunten Zuschauer am Straßenrand und begrüßten jede Zugnummer mit lautem „Helau“. Besonders die Kinder waren vom Fastnachtszug begeistert. Der damals zehnjährige Waldemar Wehrheim kann sich noch gut daran erinnern, wie er begeistert den fröhlichen Umzug beobachtete. Dabei trug er stolz sein Cowboy-Kostüm, das ihm seine Mutter genäht und mit Vorhangfransen verziert hatte. Der Kirdorfer Narrenzug schlängelte sich von der Bachstraße über die Kirdorfer Straße bis nach Bad Homburg zum Kurhaus. Anschließend wurde in den Gaststätten ausgelassen getanzt und gefeiert. Es wurde allerdings stets streng darauf geachtet, dass das fröhliche Treiben am Fastnachtsdienstag pünktlich um Mitternacht endete, weil dann die österliche Fastenzeit beginnt.

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Willi Gadermann führt einen Bären beim Fastnachtsumzug in der Louisenstraße, um 1960

Bis heute veranstalten in Kirdorf der Club Humor, die Heiterkeit und Kolping mehrere Fastnachtsveranstaltungen und organisieren den Umzug am Fastnachtsdienstag. In den letzten Jahren hatte die Anziehungskraft der Fastnacht zwar etwas gelitten, aber erfreulicherweise verzeichnet Gott Jokus längst wieder einen verstärkten Zulauf. Lustig sein und ausgelassen feiern ist unverändert populär, getreu dem Motto von August Wehrheim:

„Immer heiter und so weiter bis das Lebenslicht erlischt,
wollen wir´s treiben, so soll´s bleiben, ärgern kann uns keiner nicht“